Die Leute wollen E-Voting – trotz Sicherheitsbedenken



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Die Leute wollen E-Voting – trotz Sicherheitsbedenken 27.11.17

Die elektronische Stimmabgabe stösst bei den Stimmbürgern auf breite Unterstützung, schreibt Thomas Milic, Co-Autor einer E-Voting-Studie des Zentrums für Demokratie Aarau.

Am Abstimmungssonntag muss niemand mehr früh aufstehen, um sich in die Schlange beim Stimmlokal zu stellen. 80 bis 90 Prozent der Stimmbürger stimmen inzwischen brieflich ab. In Zukunft könnte sogar der Gang zum Briefkasten überflüssig werden. Denn die Aussicht, übers Internet an Abstimmungen teilzunehmen, findet grossen Anklang. Das zeigt eine Studie des Zentrums für Demokratie Aarau, die ich als Co-Autor mitverfasst habe und 2016 publiziert wurde.

Der Komfort war das Hauptargument für die flächendeckende elektronische Abstimmung. Für die unter 30-Jährigen ist die Einführung schon fast ein Muss. Selbst in der Gruppe der 60- bis 79-Jährigen kommt das Anliegen auf eine Zustimmung von 49 Prozent.

Etwa ein Viertel der Studien-Teilnehmenden begrüsst das Abstimmen übers Internet, weil sie dazu die Wohnung nicht mehr verlassen müssen. Rund ein Viertel glaubt zudem, die elektronische Abstimmung würde die Stimmbeteiligung erhöhen. 29 Prozent erhoffen sich, dass E-Voting den Prozess vereinfache oder weniger Zeit in Anspruch nehme. Eine Minderheit sieht zudem Vorteile für die Behörden und die Stimmenzähler, deren Arbeit sich durchs E-Voting vereinfachen würde.

Jüngere Stimmberechtigte äussern derweil folgende Sorge: Die Komplexität könnte die ältere Generation überfordern, weil deren Computer- und Internetkenntnisse eher rudimentär ausgebildet seien. Die ältere Generation selber macht sich darüber jedoch kaum Gedanken.

Trotz der breiten Zustimmung hat rund die Hälfte der Studien-Teilnehmenden Sicherheitsbedenken – quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten hindurch. Diese Ängste beziehen sich selten auf konkrete Lücken, sondern sind oftmals diffus. Wir lesen in der Zeitung immer wieder von Cyber-Kriminalität und ab und an auch von gehackten Abstimmungen. Den Bürgern ist dabei jedoch vielfach nicht klar, was genau geschehen ist oder welche Sicherheitslücken bestanden. Das liegt gewiss auch an der Komplexität der Materie. Wir wissen indessen auch, dass in den physischen Kanälen heute schon vereinzelt Stimmen gefälscht werden. Übers Internet, so die Befürchtung vieler, könnten Wahlfälscher dereinst eine Massenmanipulation vornehmen. Die Anbieter von heutigen E-Voting Systemen implementieren gegenwärtig komplexe Sicherheits- und Kontrollmechanismen, um genau das zu verhindern. Dies ist für das Vertrauen in den elektronischen Stimmkanal auch essentiell.

Die elektronische Stimmabgabe steht im Jahr 2017 dort, wo die briefliche Abstimmung vor 40 Jahren stand. Auch damals war Misstrauen da, bevor im Jahr 1978 die ersten Kantone die briefliche Abstimmung erlaubten. Seit 2005 ist das Brief-Verfahren im ganzen Land möglich – und mittlerweile etabliert. Der Komfort und die guten Erfahrungen haben die anfänglichen Bedenken vergessen gemacht.

Selbstverständlich gelten für das elektronische Abstimmen sehr hohe Sicherheitsanforderungen. Trotzdem bleibt ein Restrisiko. Mit diesem können die meisten Leute jedoch umgehen. So wie sie es heute bereits beim Online-Banking tun. Durch gezielte Massnahmen lässt sich laut unserer Studie zudem Vertrauen aufbauen: Die grösste Wirkung hätte unserer Studie gemäss das Aufdrucken eines persönlichen Codes auf dem Stimmzettel, damit die Online-Stimmabgabe überprüft werden kann. Das Gleiche könnte eine Testseite bewirken, auf der man das elektronische Abstimmen üben kann sowie Sicherheitsinspektionen durch externe Experten. Sowohl der Kanton Genf wie auch die Post bieten mittlerweile Testmöglichkeiten an.

Mit einer Offenlegung des Quellcodes dagegen kann mehr als die Hälfte der Befragten wenig anfangen. Viele wissen nicht, worum es sich beim Quellcode handelt und welche Überprüfungsmöglichkeit dieser Code bietet.

Mein Fazit: Das Bedürfnis nach der elektronischen Abstimmung wird in den kommenden Jahren mit neuen Jahrgängen von Stimmberechtigten weiter zunehmen. E-Voting trifft den Zeitgeist, weil heutzutage so gut wie alles übers Internet erledigt werden kann.

Zur kompletten Studie «Haltungen und Bedürfnisse der Schweizer Bevölkerung zu E-Voting»